1.2 Das Stammprinzip

Die bisherige Darstellung des Lautprinzips hat gezeigt: Die Hauptregel der Rechtschreibung, nämlich möglichst immer dieselben Buchstaben für dieselben Laute zu verwenden, ist nicht so einfach anzuwenden, wie sie klingt. Nun wird außerdem das Lautprinzip bei vielen Wörtern durch ein zweites Prinzip, das Stammprinzip, außer Kraft gesetzt.

R 1.7

Schreiben Sie so, dass die Herkunft oder Verwandtschaft eines Wortes zu erkennen ist.

Diese zweite Grundregel ergibt sich aus dem Stammprinzip.

Stämme sind die wichtigsten Bedeutungsträger der Wörter.

kennen, reisen, lieben, beenden

Aus ihnen lassen sich weitere verwandte Wörter bilden.

Haushausen, unbehaust

Allerdings können Stämme dabei den Vokal verändern (Ablaut) und – je nach dessen Länge – auch weitere Konsonanten.

kennen – bekennen – erkannt

kennen ▸ Kenntnis, erkannt ▸ Bekannte

fließen – es floss – das Floß

Trotzdem bleibt die Schreibweise so ähnlich (Schemakonstanz), dass man die Familienähnlichkeit von Wörtern erkennen kann.

Wände von Wand (nicht: Wende)

lieb von Liebe (nicht: liep)

endlich von Ende (nicht: entlich)

Schifffahrt = Schiff + Fahrt

R 1.8

Genau genommen behalten nicht nur die Stämme, sondern auch andere wichtige Wortbausteine wie die Vor- und Nachsilben ihre Schreibweise bei. Das Stammprinzip müsste deshalb eigentlich Wortbausteinprinzip oder Morphemprinzip heißen.

Gleichschreibung der Vorsilben:

auffallen = auf + fallen (nicht *aufallen)

Gleichschreibung von Nachsilben:

Detektiv wie Detektive

königlich wie König

1.2.1 Schwierigkeiten mit dem Stammprinzip

Das Stammprinzip ist keine „Rechtschreibfalle“; es soll vielmehr die Rechtschreibung erleichtern. Indem man sich an verwandte Wortstämme, Vorsilben und Endungen erinnert, wird das Schreiben vereinfacht. Schwierigkeiten ergeben sich allerdings dann, wenn das Stammprinzip (schreiben Sie „familienähnlich“!) in Konflikt mit dem Lautprinzip gerät (schreiben Sie „klangähnlich“!). In diesen Fällen geht das Stammprinzip vor.

R 1.9

Bei vielen Wörtern schreibt man b, d, g, s, weil das Stammprinzip dies verlangt, obwohl man p, t, k oder scharfes s spricht.

das Lob von loben

das Rad wie Räder (nicht von Rat/Räte)

Erfolg wie folgen

du reist von reisen (nicht von reißen)

Probe: Wort verlängern

R 1.10

Nach einem kurzen betonten Vokal folgen in der Regel zwei Konsonanten.

sämtliche gesamt

Gebäckbacken

1.2.2 Hilfen bei gleich und ähnlich klingenden Lauten

Praktisch zeigt sich der Konflikt zwischen Laut- und Stammprinzip also meist daran, dass man in Zweifel gerät, ob man ein Wort einfach „nach dem Gehör“ schreiben kann. In solchen Zweifelsfällen helfen zwei Proben.

R 1.11

Proben zum Stammprinzip:

– das Wort auf seine Ausgangsform(en) zurückführen

gebt geben, rennst rennen, endlos Ende, entdecken Vorsilbe „ent“, Wände Wand, Wende wenden, Schlammmassen Schlamm/Massen

– das Wort verlängern

Wind Winde, Wort Wörter, richtig richtige, peinlich peinliche, sprühend sprühende, Glas Gläser, nah Nähe

Ausnahme: Substantive auf -is und -in mit einfachem Konsonant, obwohl sie bei Verlängerung im Plural Doppelkonsonanten vorweisen.

Kenntnis Kenntnisse

Freundin Freundinnen

1.2.3 Die Andersschreibung

R 1.12

Normalerweise werden – nach dem Lautprinzip – Wörter, die gleich klingen, gleich geschrieben, auch wenn sie unterschiedliche Bedeutung haben. Darauf beruht das bekannte Teekesselchen-Raten: das Band/der Band, die Bank (‚Sitzbank’)/die Bank (‚Geldinstitut’).

In manchen Fällen werden Wortstämme aber auch gezielt anders geschrieben, um ihre Bedeutungen auf einen Blick unterscheiden zu können.

Häufige Andersschreibungen:

Ältere – Eltern

bis – biss ▸ beißen

das – dass (Konjunktion)

Endkampf – Entlassung

viel – er fiel

sie ist – er isst ▸ essen

lehren – leeren

Lied – Lid (Auge)

mahlen – malen

Mann – man

seit – ihr seid

Seite – Saite

Ware – wahr – er war

wieder – wider (dagegen)


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